Wilhelm Reich

Wilhelm Reich, geboren in Dobrzanica am 24. März 1897 im östlichen Teil des damaligen k. u. k. Österreich- Ungarn. Er war schon in ganz jungen Jahren ein eifriger Schüler Freuds, mit eigenen Ideen, auch mit immer stärkerem Einbezug des Körpers, was schliesslich 1934 zu seinem Ausschluss aus der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung führte. Als vielseitig neugieriger Wissenschafter [Entdeckung der Psychoneuroimmunologie, aber auch der Orgonenergie, des Cloudbusting zur Wetterkontrolle] kam er auch den amerikanischen Behörden in die Quere. Die Orgonenergie wurde gerichtlich für inexistent erklärt mit einem Gutachten, dessen Urheber nie bekannt gegeben wurde. Da er auf diesem Niveau nicht diskutieren wollte, wurde er wegen Missachtung des Gerichts zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Seine Bücher wurden in den USA verbrannt und verboten - wie 'tausend' Jahre früher schon bei den Nazis. Er starb am 3. November 1957 im Gefängnis von Lewisburg, Pennsylvania, USA


Eine biografische Übersicht findet sich unter Wikipedia.


Eine ausführlichere Biografie über seine Zeit in Europa siehe weiter unten.
Stärker auf seine Zeit in den USA ausgerichtet ist die englischsprachige Biografie, die sich auf der Homepage des Wilhelm Reich Museums in Rangeley, Maine (USA) befindet. Das Museum ist in einem Gebäude, das Reich nach seiner Flucht aus dem Nazi-besetzten Europa baute und auf dem Gelände auf dem er ab 1942 forschte und später auch lebte.





Einen Einblick in die Atmosphäre der 30er Jahre gibt der Artikel in der 'Zeitschrift für Politische Psychologie und Sexualökonomie' von Wilhelm Reich und seinen Anhängern, der den Ausschluss Reichs aus der Psychoanalytischen Vereinigung beschreibt (1935)


Hier noch ein interessanter Link zu
Wilhelm Reich aus einer philosophischen Perspektive.



Weitere Informationen bieten die Wilhelm-Reich-Gesellschaft mit seltenen Fotos in der Fotogalerie sowie das Wilhelm Reich Institut in der Gemeinschaftspraxis Dr. Fuckert


Eine knappe Einführung in Reich'sche Gedankengänge gibt Bernd Senf in seinem Artikel 'Der kranke Wohlstand'. Er zeigt auf, wie die Art, wie wir Säuglinge behandeln weiterführt zu einer rücksichtslosen Wirtschaftsmentalität - zu suchtmässiger Gier wie sie z. B.Wall Street kennzeichnet - in der Menschlichkeit auf der Strecke bleibt


Wilhelm Reich in den Massenmedien:
Kate Bush widmete 1985 Wilhelm Reich - respektive seinem Sohn Peter - den Song Cloudbusting mit einem Video, in dem ein etwas überzeichneter Cloudbuster dargestellt wird, sowie die Verhaftung Reichs. Kate Bush spielt Peter Reich. Lied und Video schafften es in die Hitparade.

Schon 1975 schrieb Patty Smith den Song Birdland über Reichs Sohn Peter


Sehr viele Links unterschiedlicher Qualität [siehe Disclaimer unter Links und Recht] in Englisch bietet:disinformation




Biographischer Abriss seiner Zeit in Europa unter besonderer Berücksichtigung seiner Entwicklung und Wirkung in Skandinavien


[Text freundlicherweise zur Verfügung gestellt von Christina Bader-Johansson]


Wilhelm Reichs Kindheit und Jugendzeit in Oesterreich

Wilhelm Reich (1897-1957), Arzt, Psychoanalytiker, Naturwissenschaftler, Sozialpolitiker und Vegetotherapeut, wurde im damaligen deutsch-ukrainischen Teil Oesterreichs geboren. Er wuchs auf einem grossen Landgut auf und hatte eine relativ freie Erziehung. Die Eltern waren beide jüdischer Herkunft, aber lebten ihre Religion nicht aktiv aus, sondern legten eher grossen Wert auf deutsche Kultur. Ein prägendes Erlebnis aus der Jugendzeit wird in vielen Texten betont (Boadella 1985, Ollendorff-Reich in Laska 1999 und die aus diesen abgeleiteten). Seine Mutter, zu der er eine nahe Beziehung hatte, hatte ein sexuelles Verhältnis mit seinem Privatlehrer, und der junge Wilhelm erzählte es dem eher patriarchalisch ausgeprägten Vater. Die Mutter beging Selbstmord als Reich 12 Jahre alt war, kurz danach erkrankte der Vater an Tuberkolose und starb 1914. Wilhelm und sein Bruder mussten den grossen Hof bewirtschaften, gleichzeitig mit den Schulpflichten. Während des ersten Weltkrieges wurde alles Eigentum konfisziert; Reich diente in der oesterreichischen Armee und ging nie wieder zurück in seinen Heimatort (Boadella 1985).

Der Kreis um Sigmund Freud
Als sehr armer Medizinstudent in Wien interessierte er sich für die Vorlesungen von Freud über die Psychoanalyse. Schon 1920, bevor er sein Medizinstudium 1922 beendete, wurde er in die psychoanalytische Gesellschaft aufgenommen und in die Kreise um Freud, den er am Anfang sehr schätzte und ehrte. Reich wurde zu dem konsequentesten Vertreter der ursprünglichen Lehre Freuds von der sexuellen Aetiologie der Neurose. Schon jetzt hatten die verschiedenen Deutungen von Freuds Libidotheorie zu heftigen Auseinandersetzungen geführt. Reich entwickelte Kriterien für die Neurosenentwicklung, die an der psycho-physischen Organisation des Menschen orientert waren – die volle sexuelle Befriedigung und die orgastische Potenz. Er fing an, die von Freud beschriebene Charaktertheorie weiterzuentwickeln, die auf der stufenweisen Entwicklung des Kindes beruht. "...genitaler Charakter; dieser war zugleich ein wahrhaft freier, autonom sich selbst steuernder Mensch – der allerdings mit der derzeit bestehenden, von den massenhaften Neurosen geprägten Gesellschaftsverordnung, eher in Konflikt als in Frieden lebt" (Laska 1998). Ich ahne hier möglicherweise einen versteckten Wunsch von Reich, seiner Mutter die Würde zurückzugeben.

Der Bruch mit Sigmund Freud
1927 zerstritt er sich letzendlich mit Freud, weil Freud die gesellschaftlichen, sozioökonomischen Strukturen als wichtige Ursachen von Neurosen ablehnte und sich energisch gegen eine gesellschaftliche Neurosenprophylaxe aussprach. Reich verknüpfte Ende der 20er Jahre die Psychoanalyse mit den sozialwissenschaftlichen Theorien von Engels und Marx und trat auch der kommunistischen Partei bei. Sein Engagement in der Arbeiterbewegung 1927-1933 endete, weil er sich mehr für die Menschen interessierte, anstatt sich nur gegen Materialismus/Kapitalismus zu wenden. Reichs Perspektive war eher anthropologisch, wobei er nicht Mensch und Gesellschaft trennen wollte (Laska 1998). Er meinte "dass Neurosen vermeidbar seien, vorausgesetzt es liessen sich andere Formen der Erziehung, des Familienlebens und der gesellschaftlichen Organisation durchsetzen. Freud vertrat dagegen die Ansicht, dass 'die Kultur vorgeht', womit er die sexuelle Unterdrückung und Triebversagung meinte, und es nicht die Aufgabe der Psychoanalyse sein könne, die Welt zu verbessern." (Boadella 1995 s. 78). Die (bürgerliche) Kultur hatte Vorrang und so erschienen Reichs Ideen zum grossen Teil in Freuds 1930 veröffentlichtem Buch 'Das Unbehagen in der Kultur' (Boadella 1995). "Ein letztes Mal traf er mit Freud zusammen und versuchte, seine Unterscheidung zwischen natürlicher Moral und aufgesetzter Zwangsmoral, sowie zwischen der typischen patriarchalischen Familienform und einem natürlichen, auf Liebe, gegenseitige Achtung und Zärtlichkeit gegründeten Familienleben deutlich zu machen. Freud reagierte äusserst erregt und erklärte Reich: Ihr Standpunkt hat nichts mit der mittleren Linie der Psychoanalyse zu tun" (Boadella 1995, S.81).

Der Kreis um Wilhelm Reich während der Berliner Jahre
Reich, seine Frau Annie und die beiden Töchter zogen 1930 nach Berlin, wo es zu jener Zeit ein mehr politisch und sexualreformistisch orientiertes psychoanalytisches Umfeld gab. Es gab zu dieser Zeit auch gegen achtzig Organisationen mit insgesamt 350 000 Mitgliedern, die sich für Sexualreformen in der Gesellschaft engagierten. Sein Vortrag über Neurosenprophylaxe stiess auf ein grosses Echo bei den Ärzten des Berliner Sozialistischen Ärztebundes. Otto Fenichel, Karen Horney und Erich Fromm, die alle neo-freudianische, kulturpsychologische Schulen begründen sollten, waren in Berlin sehr begeistert von Reichs Lehren. Schon hier lernte er Ola Raknes, Nic Wahl und Tryggve Bratöy aus Norwegen kennen, die am Psychoanalytischen Institut studierten (Bunkan 1987, Faleide et al 1975 ). Während seiner Berliner Jahre lernte er auch Elsa Gindler und Elsa Lindenberg kennen, die damals bekannte Tanz- Atem- und Bewegungstherapeuten waren. Hier fand Reich körperorientierte Komponenten, die seine Art zu denken ergänzte, und die er in seine Arbeit aufnahm (persönliche Kommentare Boadella 1993 und Bunkan 2001).


Sexualität und Politik
Reich und andere aktive Mitstreiter für die Sexualreform fassten ihre neurosenprophylaktischen Ideen in folgende 7 Punkte zusammen, die Reich 1931 auf dem Kongress des neugegründeten DRPSP (‘Deutscher Reichsverband für Proletarische Sexualpolitik’) in Düsseldorf vorlegte (Boadella 1995):
• Freie Abgabe von Verhütungsmitteln für finanziell Minderbemittelte. Aufklärung über Geburtenkontrolle und Empfängnisverhütung
• Die Aufhebung des Abtreibungsverbotes. Freier Schwangerschaftsabbruch in allgemeinen Krankenhäusern. Finanzielle und medizinische Hilfe für schwangere Frauen und junge Mütter
• Abschaffung der juristischen Unterscheidung zwischen Eheleuten und Ledigen. Abschaffung juristischer Verfolgung des "Ehebruchs" und Scheidungsfreiheit.
• Die Schaffung von Sexualreformen, die die Prostitution überflüssig machen.
• Aufklärung, die der Gefahr von Geschlechtskrankheiten entgegenwirkt
Lebensbejahende Erziehung als Prävention gegen Neurosen. Die Schaffung von sexualökonomisch orientierten Kliniken
• Ausbildung von Ärzten und Sozialarbeitern in Sexualhygiene
• Therapeutische Behandlung statt Strafe für Sexualvergehen an Kindern und Minderjährigen. Präventionsmassnahmen gegen sexuellen Missbrauch bei Kindern und Jugendlichen.

Einige dieser Punkte wirken auf mich als Europäerin selbstverständlich, sie gehören heute zum Alltag eines Mediziners oder eines Sozialarbeiters , waren es aber keinesfalls zu der damaligen Zeit. Und sie sind es heute auch nicht in aller Welt.

1933 ging Reichs Ehe mit der Ärztin und Psychoanalytikerin Annie Reich, die er schon während des Studiums in Wien heiratete, auseinander. Ihre verschiedenen Meinungen zur Politik und Kindererziehung wurden in einer privaten Beziehung unhaltbar.
Ende Februar 1933 wurde Reich von einer Studentenorganisation nach Dänemark eingeladen, er hielt dort einen Vortrag über "Sexualreform und Gesellschaftskrise". Zurück in Berlin verschärften sich die nationalsozialistischen Verhaftungen von Intellektuellen und Funktionären der Linksparteien. Es wurde eng für Wilhelm Reich, als scharfe Kritik in der Nazipresse auf sein Buch "Der sexuelle Kampf der Jugend" erschien. Erste Stürmungen der Sexualberatungsstellen wurden durch die SA initiiert. Er musste mit seiner baldigen Verhaftung rechnen und ging, nach einem kurzen Aufenthalt in Wien, auf Einladung des dänischen Psychiaters Tage Philipson im Mai 1933 nach Dänemark.

Reich versuchte vergebens die Wiener Psychoanalytiker zu überzeugen, die schon versprochene Herausgabe seines neuesten Buches "Charakteranalyse" doch herauszugeben. "Aus politischen Gründen" hiess es, war es jetzt nicht möglich, das Buch zu verlegen. Die "Charakteranalyse" erschien später im gleichen Jahr 1933 im eigenen Verlag Reichs. Er konnte mithilfe geliehenen Geldes das Buch selber während seiner Dänemarkzeit herausgeben. "Das Beste und Durchdachteste, was über die Psychotherapie gesagt geworden ist", nannte die Kritik sein Buch als es erschien. Kurz danach wurde es in Nazideutschland verboten. Dieses Buch zählt immer noch zu den klassischen psychoanalytischen Werken über die Libidotheorie, wo er erste Gedanken zu einem biologischen Prozess im Körper, der auf Angst beruht, darstellt. Die 7. Auflage ist 2002 erschienen. Reich stellte die verschiedenen Phasen in der Libidotheorie vor, von der oralen über die anale und die phallische zur genitalen Phase. Wird es dem Individuum verwehrt sich genital zu organisieren, organisiert sich der Charakter über die nächstliegende Position, die er annehmen kann. Gegen die Freudsche Deutungsanalyse setzte Reich die Verhaltensanalyse, die sich vom Körperausdruck zu den vielfältigen Schichten der Verdrängung vorarbeitet.

Wilhelm Reich wurde 1934 aus der psychoanalytischen Gesellschaft ausgeschlossen. Der Hintergrund für dieses Szenario wurde beschrieben als ein Versuch der psychoanalytischen Gesellschaft, sich so anzupassen, dass ein totales Verbot der Psychoanalyse von dem nationalsozialistischen System Hitlerdeutschlands vermieden werden könne. Reich zeigte offen, dass er ein Gegner Hitlers war (Schray, Maul 1997). Dabei schienen es Freud und die anderen zu übersehen, dass sie selber zu den jüdischen, intellektuellen Kreisen, genauso wie Reich, gehörten. Laska (1998) hingegen, meint, dass er ausgeschlossen wurde, weil Freud mit Reichs weiterentwickelten Libidotheorie (die eine mehr lustvolle Lebenseinstellung beinhaltete) und seiner anthropologischen Sichtweise (Mensch in seinem Umfeld) nicht einverstanden war.

Fest steht, dass ein aussergewöhnlicher Forscher und Vordenker in dem damaligen Zeitgeist und dem politischen System nicht geschätzt und anerkannt worden ist. Er wurde sehr missverstanden, verschwiegen, verhöhnt und vertrieben.


Reichs Jahre in Skandinavien
Dänemark
Während seiner Skandinavienzeit war Reich mit Elsa Lindenberg verheiratet, einer Bewegungstherapeutin und ehemaligen Tänzerin an der Berliner Staatsoper, die in der Widerstandsbewegung gegen Hitler aktiv gewesen war. Die beiden zogen zunächst 1933 nach Kopenhagen.
Im gleichen Jahr 1933 wurde aus der schwedischen Sexualreform der RFSU (Reichsverbund Für Sexuelle Aufklärung) gegründet. Er besteht immer noch (und liefert seit Jahrzehnten die Cosano-Kondome für die Migros;Anmerkung der Red.). Eine der ersten Aufkärungsarbeiterinnen war die dänisch-norwegische Journalistin Elise Ottosen-Jensen, die in Skandinavien seit Anfang der 20er Jahre mit ihrem Fahrrad herumreiste (Lennerhed 2002). Es bestand also ein verhältnismässig offenes Klima für sexuelle Aufklärung in Skandinavien. Reich kam wieder auf seine sexualökonomische Theorie des Gegensatzes zwischen Angst und Sexualität zurück und versuchte sie nun auch fester in der Physiologie zu verankern. Er widmete sich der Entwicklung von Geräten, um diese Zusammenhänge durch Messungen beweisen zu können (Boadella 1995). In Dänemark gab er auch das Buch "Die Massenpsychologie des Faschismus" im eigenen Verlag heraus, das zum sozialpsychologischen Klassiker des 20. Jahrhundert wurde.

Schweden
Eine Pressekampagne richtete sich gegen Reichs Sexualforschung, was zur Folge hatte, dass er sein Visum in Dänemark Ende 1933 nicht mehr verlängert bekam. Reich zog notgedrungen mit Elsa Lindenberg nach Malmö ins südlichste Schweden, eine Stadt die mit der Fähre über den Oeresund direkt von Kopenhagen sehr einfach zu erreichen ist. Von Malmö aus unterrichtete und behandelte er weiterhin die Schüler aus Dänemark und aus Norwegen. Aber die Polizei in Schweden kooperierte mit der dänischen und bald mussten Reich und Lindenberg auch aus Malmö fliehen. Beide zogen im Oktober 1934 nach Oslo. Er hatte eine Einladung des norwegischen Professors für Psychologie Harald Schelderup bekommen. Wieder vermischte sich Politik mit seiner sexuell und körperlich orientierten praktischen Forschung.

Norwegen
Die norwegische Gesellschaft für Psychoanalyse wurde unter Druck gesetzt, nachdem der Kongress in Luzern Reich im August 1934 aus der psychoanalytischen Gesellschaft ausgeschlossen hatte. [Reich zeltete im Lido Luzern, die anderen logierten im Grandhotel Schweizerhof; Anm. d. Red.] Die Norweger weigerten sich aber die Bedingungen der europäischen psychoanalytischen Gesellschaft zu akzeptieren, Reich nicht als Mitglied in ihrer Gesellschaft aufzunehmen, und Norwegen wurde schliesslich auch als nationale Sektion aufgenommen. Reich wurde eine norwegische Mitgliedschaft angeboten, aber er lehnte ab. Er wollte nicht alte Konflikte neu beleben, und widmete sich seinen neuen Forschungen ausserhalb der psychoanalytischen Organisation fruchtbar weiter (Faleide et al 1975).

Vegetotherapie
Die Charakteranalyse entwickelte er durch Einbeziehung des gesamten Organismus, insbesondere seiner vegetativen unbewussten Funktionen, zur Vegetotherapie weiter. Wie wir gesehen haben, war es für Reich wichtig den Menschen in seiner Lebenssituation und seinem Umfeld zu studieren (man denke nun an das bio-psychosoziale Störungsmodell in der heutigen Medizin!) und dabei körperlichen und seelischen Aspekten als eine organische Einheit in Wechselwirkung mit der individuellen Wirklichkeit zu sehen. "Ein gesundes Lebewesen hat die Fähigkeit, in rhythmischer Oszillation zwischen Zuständen des Gerichtetsein auf die umgebende äussere Welt und der Orientierung auf innere Zustände des Organismus, hin- und herzuschwingen" (Lassek S.82, 1994). Durch seine biologischen Forschungen zu den rigiden Charakterformen wurde es Reich bald klar, dass sie die Funktion hatten, Angst im Körper zu binden. Dies geschieht via das sympathische Nervensystem direkt zur Muskulatur. Er nannte es Muskelpanzer und fand auch eine Reihe von vasomotorischen Symptomen, die zu Angst passten: Herzklopfen, Schweissausbruch, Hitze- und Kältewellen, Zittern, Ohnmacht, Durchfall. Er entdeckte: je besser es gelingt durch Druck und Dehnung, Atmungs- und Bewegungsübungen eine Panzerlockerung zu finden, desto stärker werden die gefühlsmässigen Durchbrüche bei den Patienten, und umso schneller verändert sich sein fixierter Schutz gegen erlebte Bedrohung. Sein Charakterpanzer, im Körper als Muskelpanzer ausgedrückt, wird sanfter und das treibt den Therapieverlauf zusammen mit Gesprächen voran. Reich stellte bei vielen Patienten eine chronische Bauchspannung fest, welche den vegetativen Fluss im Solarplexus blockiert. Es schien ihm, als hätten sich viele Menschen aufgrund einer Affekthemmung eine dauerhafte Einatmungshaltung angewöhnt, um ihre Gefühle kontrollieren zu können. Durch das autonome Nervensystem (Parasympathisches/beruhigendes und Sympathisches/aktivierendes System), durch das Immunsystem und das endokrine System kann der Organismus Gefühle wie Angst, Trauer, Wut, Freude und gesunde Aggression balancieren, damit die "Lebensenergie" wieder strömen kann. Sie zeigt sich in weichen, ungebrochenen Pulsationswellen; Oszillationen oder Plasmazuckungen, die sichtbar sind und die Reich ab jetzt messen konnte. Reich schloss aus seinen Studien, dass in der Libido, Lust, Sexualkraft, eine "Lebenskraft" verborgen ist (die er später "Orgon" nannte), die die Fähigkeit/Potenz hat, psycho-physiologische Funktionen des Menschen regenerieren zu können (man denke nun an fernöstliche Medizin und den begriff "Chi"!). Reich nannte diese Fähigkeit "orgastische Potenz" (Lassek 1994, Boadella 1995, Laska 1999).

In Norwegen entwickelten sich seine Gedanken einerseits zur Angst (das Zusammen-ziehende im Körper) und Libido (das Ausdehnende, Oeffnende im Körper) zusammen mit vielen seiner Schülern weiter. Es geschah in fruchtbaren Diskussionen und Forschungen in einem Klima von gegenseitigem Interesse – wenigstens am Anfang. Anderseits drang er durch gezielte experimentelle Forschung in immer elementarere Bereiche vor, bis er behauptete, das von ihm so benannte "Orgon", eine ursprungliche kosmische Energie, entdeckt zu haben. Hier hörte damals das Verständnis von norwegischer Seite auf. (Heute greift die Biophotonforschung Reichs grundlegende Forschung wieder auf!) Reich lebte bis 1939 in Norwegen, wo er nochmals um sein Leben fürchtete und in die Vereinigten Staaten zog. Elsa Lindenberg blieb in Oslo und unterrichtete Tanz und Bewegungslehre bis kurz vor ihrem Tod 1976 (persönlicher Kommentar B. Bunkan).

Die Freundschaft mit Ola Raknes
Ola Raknes, 1887-1976 war Philosoph, Wissenschaftstheoretiker, Religionspsychologe und Psychotherapeut. Er war der, der Reichs Theorien in der Tiefe verstehen konnte. Beide waren Pionere; vor ihrer Zeit. Raknes Dissertation in Oslo 1927 in Religionspsychologie über "Mötet med det heilage" (Das Bündnis mit der Heiligkeit: eine Unteruchung über die psychologischen Grundlagen der Religion) hatte z.B. am Anfang sehr wenige Leser, wurde aber 45 Jahre später neu herausgegeben und fand erst dann eine grosse Leserschar! Er war, wie Reich, auf einem Bauernhof aufgewachsen, neugierig, naturverbunden und hatte breitgefächerte Kenntnisse. In der Festschrift über Ola Raknes (Faleide et al 1975) wird von mehreren Autoren betont, wie prestigelos und taktvoll korrigierend er war, und damit hat er die Arbeit mit Reich, der eher starkes Verlangen nach Loyalität zeigte, fruchtbar geprägt. Erst im Alter von über 80 Jahren, schreibt Ola Raknes selber im Vorwort zu seinem Buch "Wilhelm Reich and Orgonomy" 1970: "Some developments of Reich's ideas are due to myself and I am unable to tell, in some cases, which ideas were first mentioned by me and which ones by Reich". Viele Leute haben dadurch vernachlässigt zu würdigen, dass Raknes, mehr als sonst jemand, dazu beigetragen hat die Entwicklung der Theorien Reichs zu verbreiten. "Mit seinem grundlegenden philosophischen und wissenschaftstheoretischen Hintergrund und seiner ausgeprägten Fähigkeit zur Systematisierung war Raknes sehr wichtig für die Entwicklung der psychotherapeutischen, biologischen und naturphilosophischen Theorien, die sonst üblicherweise Wilhelm Reich allein zugeschrieben werden" (Tellef Dannevig S.10; meine Uebersetzung aus dem Norwegischen).

Gesundheitskriterien nach Raknes und Reich in der Vegetotherapie
Ein Beispiel (Raknes 1973, In :Boadella S. 125) illustriert die oben erwähnte Zusammenarbeit. Gesundheit wird so beschrieben: "Fähigkeit zu uneingeschränkter Konzentration auf einen Arbeitsvorgang, eine Aufgabe, ein Gespräch oder eine genitale Umarmung, sowie ein Gefühl der Einheit in dem, was man ist und was man tut. Ein Gefühl tiefen Kontaktes zum eigenen Körper, zu anderen Menschen, zur Natur und Kunst und zum Beispiel auch zu den Werkzeugen, die man bei der Arbeit benutzt; ferner die Fähigkeit, Eindrücke auf sich wirken zu lassen, der Mut und der Wille, es den Dingen und Ereignissen zu gestatten, Eindrücke hervorzurufen. Freiheit von Angst, wo keine Gefahr ist, und die Fähigkeit, auch in gefährlichen Situationen rational zu reagieren; der Mut, sich freiwillig in eine gefährliche Lage zu begeben, wenn man vernünftige und wichtige Gründe dafür sieht; ein tiefes und anhaltendes Gefühl von Wohlbefinden und Kraft, die auch spürbar ist, wenn man mit Schwierigkeiten zu kämpfen hat oder nicht allzu starke Schmerzen erleidet. Einige dieser Empfindungen lassen sich auf ein Lustgefühl in den Genitalien während der Atmung zurückführen"


Das Erbe von Reich in der heutigen Körperpsychotherapie und skandinavischer, psychosomatischer Physiotherapie
Ola Raknes, Nic Waal, Kinderpsychiaterin und Tryggve Bratöy, Psychiater, gehörten zu Reichs nächsten Schülern in Norwegen und wurden die ersten Lehrer für die folgenden Generationen von Vegetotherapeuten (Faleide et al 1975). Raknes und andere benutzten keine Orgonterminologie, vielleicht weil sie meinten, dass sie damals auf wackeligen theoretischen Füssen stand, sondern sie sind aus einer verhaltenstherapeutischen Terminologie nahe der Phänomenologie in der Therapiesituation ausgegangen (Tellef Dannevig 1975). Die Schüler waren am Anfang Ärzte, Psychologen und Soziologen und die Behandlungslungsform wird immer noch Vegetotherapie oder "soft bioenergy" genannt (Bunkan1987). Die Schüler sind auch heute Ärzte, Soziologen, Psychologen und Psychotherapeuten. Der bekannteste Lehrtherapeut heute für die Vegetotherapie in Norwegen ist der Psychologe Björn Blumenthal. Auch David Boadella, der seine Körperpsychotherapie Biosynthese nennt, ist zum grossen Teil von der Vegetotherapie inspiriert. Allerdings ist bei ihm die manuelle Arbeit am Körper nicht so stark betont. Er kam von der pädagogischen Seite und hat seine Lehrtherapie bei Ola Raknes gemacht.

Tryggve Bratöy integrierte Kenntnisse aus vielen Gebieten – Vegetotherapie, Sport, Ergonomie, progressive Muskelrelaxation - und zusammen mit der Physiotherapeutin Aadel Bülow-Hansen erarbeitete er eine Behandlungsform (psycho-motorische Behandlung), die immer noch unter den Physiotherapeuten in Skandinavien sehr verbreitet ist (Bunkan 1987). In Schweden und Norwegen ist Physiotherapie ein Beruf mit akademischem Abschluss und der Möglichkeit mit einer Doktorarbeit abzuschliessen.

Die Physiotherapeuten die von Bülow-Hansen ausgebildet sind, haben dann eigene Theorien entwickelt, und einige von ihnen haben sich mit einer Zusatzausbildung in Psychologie auch einen Namen in der Körperpsychotherapie gemacht. Lillemor Johnsen hat speziell über die hypotone Muskulatur Theorien aufgebaut und hat, als sie noch lebte, an zahlreichen Körperpsychotherapiekongressen in Europa und den USA teilgenommen. Gerda Boysen hat mit ihrer "Biodynamischen Körperpsychotherapie" mehre Institute in Europa aufgebaut, die von der European Association for Body Psychotherapy anerkannt sind. Von ihr sind etliche Ärzte, Psychologen und Psychotherapeuten ausgebildet. Berit Bunkan, hat 2004 im Alter von 73 Jahren ihre Dissertation zu "Ressourcenorientierte Körperuntersuchung und Behandlung" gemacht. Ihre Art von psychomotorischer Physiotherapie wird nur in Skandinavien gelehrt.

Der deutlichste Unterschied zwischen Körpertherapie/psychosomatischer Physiotherapie in Skandinavien und Körperpsychotherapie weltweit ist der tiefenpsychologisch verarbeitende Teil. In Physiotherapie/Körpertherapie werden Körperübungen und die manuelle Arbeit am Körper als Anregung zum näheren Kontakt mit dem senso-motorischen und emotionalen Körper benutzt - als Entspannung, Aktivierung und Erdung. Die heutige Körperpsychotherapie basiert auf einem Entwicklungsmodell, einer Persönlichkeitstheorie, auf Hypothesen zu Ursachen von Störungen und Krankheiten, sowie auf einer Vielfalt von diagnostischen und therapeutischen Techniken, die in der Therapie eingesetzt werden, z.B Atmungs-, Berührungs- und Bewegungstechniken, sowie verschiedene tiefenpsychologische Gesprächsmethoden. Die zugrunde liegende Annahme für die Therapie ist, dass der Körper die gesamte Person spiegelt ("ich bin mein Körper"), und dass eine unteilbare funktionelle Einheit zwischen "mind"/Psyche/Geist und Körper besteht (EABP-Prospekt, What EABP is about, Beschreibung von Körperpsychotherapie, 2004)

Die "European Association for Body Psychotherapy", EABP, wurde 1987 in Oslo gegründet. Reichs Erbe in Norwegen trägt also immer noch Früchte, und der norwegischer Zweig der heutigen europäischen
Heute gibt es weltweit mehr als 20 verschiedene Körperpsychotherapeieformen und weitergehende Forschung, die auf Reichs Arbeiten beruhen. Es würde zu weit führen, sie alle aufzulisten. Gemeinsam ist allen Körperpsychotherapieformen die Arbeit mit der Atmung, Berührung und Bewegung sowie das tiefenpsychologische Gespräch.

"Es ist fast unmöglich über Körperpsychotherapie zu reden, ohne Wilhlem Reichs' Namen zu nennen", sagte der Präsident des EABP, Courtney Young, an einem Psychotherapiekongress in Rom 1997. Allerdings hat die Körperpsychotherapie auch unter Reich's Namen gelitten, weil sie dadurch von anderen Zweigen der Psychotherapie verworfen wurde. Es ist interessant sagt Young weiter, "dass Reich's frühe Arbeit an der Charakteranalyse allgemein als Referenzliteratur bei den Psychoanalytikern akzeptiert ist, aber die nächste Entwicklung aus Reich's Arbeit, die charakteranalytische Vegetotherapie - die direkten Kontakt und direkte Berührung am Körper beinhaltet - nicht bei den Psychoanalytikern akzeptiert ist”. Boadella argumentierte 1997, ein Jahr bevor Körperpsychotherapie 1998 von der EAP, European Association for Psychotherapy als eine wissenschaftlich fundierte Therapieform anerkannt wurde, "dass Körperpsychotherapie immer noch nur als Zusatz oder Anhang einer 'anständigen' Psychotherapie oder als minderwärtiger Partner bei Prozessen symbolischer Interpretation und Problemanalyse geduldet ist" (Boadella S.20, 1997).

In zahlreichen Zeitschriften, an Kongressen und in Biographien werden Reichs Name und Gedankengut immer wieder aktualisiert, nicht zuletzt zur Feier seines 100. Geburtstages. An diesem Kongress wurde von einem Repräsentanten der Enkelkindergeneration von Körperpsychotherapeuten an Reichs gesellschaftspolitisches Engagement erinnert, das nötig wäre, wieder neu zu beleben (Marlock 1997).

Heute – im Jahr 2006 – sind alle oben erwähnten Schüler Reichs und Raknes’ über 70 Jahre alt oder schon gestorben.


Literatur
Boadella, D.: Wilhelm Reich – Pionier des neuen Denkens. Eine Biographie. Bern und
München: Scherz. 1980 (2.Aufl.1995)

Boadella, D.: (1997).Verkörperung in der therapeutischen Beziehung. Rede auf dem 1. Kongress des Weltrats für Psychotherapie in Wien 1-5 Juli 1996. Energie und Charak-ter, Zeitschrift für Biosynthese und Somatische Psychotherapie, Bd 15, Juli pp 20-37

Bunkan, B.: Appendix 2: Reich-traditionen i norsk vegetoterapi och sjukgymnastik.
(Die Reich-Tradition in Norwegische Vegetotherapie und Physiotherapie) S.173-176.
In: Muskelspänningar. Undersökning och behandling (Muskelspannungen. Unter-suchung und Behandlung)Oslo und Stockholm: Liber. 1987

Faleide, A., Grönseth, R., Urdal, B (Hrsg.) (1975), Det levande i muskelpanseret- om kropp og sjel, muskelspenninger og psykoterapi, seksualitet og tillhove mellan barn og vaksne (meine Uebersetzung aus Norwegisch: Das Lebende im Muskelpanzer - über Körper und Seele, Muskelverspannungen und Psychotherapie, Sexualität und die Beziehung zwischen Kindern und Erwachsenen).Oslo: Universitetsforlaget

Lassek, H.:(1994). Erfahrungen eines Arztes mit der Vegeto/Orgontherapie Wilhelm Reichs und Gedanken zur Wirkkraft der Behandlung. Energie und Charakter, Zeitschrift für Biosynthese und Somatische Psychotherapie, Bd 10, Dezember pp 78-134

Laska, B.: (1998). Wilhelm Reich ohne Freud/Marx/Orgon. In Wilhelm Reich, Artikel aus der LSR-Reihe (La Mettre, Stirner und Reich. Drei Aufklärer für die Zukunft), www.lsr-projekt.de (Internet), zitiert: 15.01.2005

Laska, B.:Wilhelm Reich. Hamburg: Rowohlt. 1981 (5.aktualisierte Auflage 1999)

Lennerhed, L.: Sex i folkhemmet. RFSU:s tidiga historia. Stockholm: Gidlunds. 2002 (Sexualität im "Folksheim". RFSU:s frühe Geschichte)

Marlock, G. (1997). Wilhelm Reichs 100. Geburtstag – Anmerkungen zu einem anspruchsvollen Erbe. Vortrag zur Eröffnung des 6. Kongresses der Europäischen Gesellschaft für Körperpsychotherapie in Wien. Energie und Charakter, Zeitschrift für Biosynthese und Somatische Psychotherapie, Bd 15, Juli pp 192-197

Raknes, O. : Der orgonomische Gesundheitsbegriff und seine sozialen Konsequenzen
In: O.R. Wilhelm Reich und die Orgonomie, Frankfurt/M. 1973, S.116 In: Boadella Wilhelm Reich. Pionier des neuen Denkens. Eine Biographie. Bern und München Scherz Verlag; 1995, S.125
Schray, M., Maul, B.: (1997). 100 Jahre Wilhelm Reich- Sexualität, Energie, Chakter und Gesellschaft. Bericht vom 6. Kongress der Europäischen Gesellschaft für Körper-psychotherapie in Wien. Energie und Charakter, Zeitschrift für Biosynthese und Somatische Psychotherapie, Bd 15, Juli pp 179-191, S.180

Tellef Dannevig, E. Innleing (Vorwort). In: Faleide, Grönseth, Urdal. Det levande i muskelpanseret- om kropp og sjel, muskelspenninger og psykoterapi, seksualitet og tillhove mellan barn og vaksne. Oslo: Universitetsforlaget; 1975

Young C. Common Ground and different Approaches in Psychotherapy. EAP Congress
Rome, 1997. www.eabp.org (Internet) zitiert: 20.3.2005